Attachment Parenting / bindungs-und bedürfnisorientierte Elternschaft

Was bedeutet bindungs-und bedürfnisorientierte Elternschaft?

Sagt euch bindungs – und bedürfnisorientierte Elternschaft oder Attachment Parenting etwas? Nein? Ich kannte die Bezeichnung bis 2014 auch nicht.
Erst als mein Mann von einem Arzttermin kam und zu mir “Schatz, es gibt übrigens einen Namen für unsere Erziehung: Attachment-Parenting!” sagte, beschäftigte ich mich mit dem Thema.

Er hatte im Wartezimmer einen Artikel über bindungs- und bedürfnisorientierte Elternschaft gelesen und unseren Umgang mit unserer Tochter darin wiedererkannt. Im ersten Moment dachte ich: “Aha! Dann hat aufs Bauchgefühl hören auch schon einen Namen!” Doch abends googelte ich dann nach dem Begriff ” Attachment Parenting”…

Was ist Attachment Parenting eigentlich genau?

Die Definition laut Wikipedia lautet:

“Unter Attachment Parenting (kurz oft: AP; engl. für „Bindungserziehung“; deutsch auch: Bindungsorientierte Erziehung, Bedürfnisorientierte Erziehung) versteht man eine Erziehungslehre, deren Methoden darauf ausgerichtet sind, die Mutter-Kind-Bindung dadurch methodisch zu fördern, dass die Mutter sich dem Kind gegenüber nicht nur maximal responsiv verhält, also möglichst auf die Signale des Säuglings reagiert, sondern auch möglichst viel Zeit in enger körperlicher Nähe mit dem Kind verbringt. Der Begriff „Attachment Parenting“ stammt von dem amerikanischen Kinderarzt William Sears, der bis heute auch der bedeutendste Vertreter der Lehre ist.”

William Sears Konzept des Attachment Parenting beruht auf 7 Verhaltensweisen, die alle auf den biologischen Bedürfnissen des Kindes basieren. Die Praktiken steigern die Sensibilität der Mutter für die Signale ihres Babys und kommt dem “Babyreading” entgegen.

Da die 7 Praktiken im Englischen alle mit dem Buchstaben “B” beginnen, nannte William Sears seine Methode die “7 Baby-Bs”. Bis 1999 bestand das Konzept nur aus 5 Punkten, die letzten 2 Punkte kamen erst mit dem Attachment Parenting Buch hinzu.

7 Baby-Bs

  1. Birth Bonding – Aufnahme des Körper- und Augenkontakts zwischen Mutter und Kind sofort nach der Geburt
  2. Breastfeeding – bedarfsorientiertes Stillen
  3. Babywearing – möglichst häufiges Tragen des Kindes
  4. Bedding close to Baby/Bedsharing – gemeinsames Schlafen (Co-Sleeping)
  5. Belief in the language value of your baby’s cry – Beachtung der Signale des Kindes, um jedem Schreien zuvorzukommen
  6. Beware of Baby trainers – Verzicht auf Schlaftraining
  7. Balance – Balance der Bedürfnisse von Kind und Mutter

Und was bringt das?

Forscher fanden in einem Versuch heraus, dass wenn all diese 7 Punkte im Alltag gelebt werden, die Mutter schon nach wenigen Wochen schneller auf die Bedürfnisse reagiert und sich feinfühliger um das Kind kümmert. Nach einigen Monaten hatten mehr als die Hälfte eine sichere Bindung im Gegensatz zur Vergleichsgruppe, in der kein Punkt der 7 B’s gelebt wurde.

Attachment Parenting bedeutet jedoch nicht, dass man alle 7 Punkte anwenden muss, um bindungs- und bedürfnisorientiert zu leben. Wenn eine Mutter nicht stillen kann und auf Pulvermilch angewiesen ist, so kann sie genauso bindungsorientiert und bedürfnisorientiert leben. Es ist also kein striktes Muster, sondern eher ein “Leitfaden für die Erhöhung der Bindung”.

Dabei ist ein bindungs- und bedürfnisorientierter Umgang aber noch keine Garantie für eine sichere Bindung. Vielmehr kommt es auf die Feinfühligkeit der Bindungsperson an. Also das WIE ist entscheidend für die Bindungsform.

Ist das nicht voll der Hippi Kram?

Bindungs – und bedürfnisorientierte Elternschaft ist für mich kein Trend und auch absolut nicht altmodisch. Ich würde es eher als instinktiv bezeichnen. Lange Zeit habe ich Attachment Parenting gelebt, ohne zu wissen, dass das eine bekannte “Erziehungsmethode” ist.

Vielmehr empfinde ich einen bindung- und bedürfnisorientierten Umgang als eine wesentliche Grundlage für eine schöne Kindheit. Und damit auch als einen Grundbaustein für ein glückliches Leben im Erwachsenenalter.

Dazu zählt für mich ein emphatisches Verhalten auf die Bedürfnisse des Kindes, Aufmerksamkeit, bedingungslose Liebe, emotionale und körperliche Nähe, Vertrauen in das Kind und dessen Gefühle. Denn Kinder möchten wahrgenommen werden, sich sicher und geliebt fühlen und das Gefühl haben im Alltag integriert zu sein. Das heißt für mich auch, dass ich die Gefühle des Kindes ernst nehme und auf ein Weinen zügig eingehe, tröste und es liebevoll begleite.

Das Kind mit den Gefühlen alleine zu lassen ist für die Entwicklung absolut nicht sinnvoll. Für die Bindung ebenso nicht.

Kinder können sich nämlich (mindestens!) die ersten 2-4 Jahre noch nicht selbst beruhigen. Davor ist der Parasympathikus, der für die Selbstberuhigung verantwortlich ist, noch nicht in der Lage eigenständig zu arbeiten.

Die Kinder brauchen uns also. In so vielen Bereichen. Wenn sie Angst haben, traurig, wütend oder frustriert sind. Durch Co-regulation, also durch uns, lernen sie, wie das Beruhigen funktioniert. Wir sollten sie dabei liebevoll begleiten. Und ohne Angst sie dadurch verwöhnen zu können.

Hafen in Sicht!

Du bist der sichere Hafen, sei sichtbar!

Die Bindungsperson stellt einen sicheren Hafen dar. Kinder brauchen ihren sicheren Hafen, um die Welt entdecken (explorieren) zu können. Das gilt auch noch nachts. Alleine im Bett zu liegen ist für die Entwicklung absolut kontraproduktiv.

Denn wenn Babys allein im Dunkeln in ihren Babybettchen liegen, wissen sie noch nicht, dass sie in Sicherheit sind und entspannen können. Unsere Babys sind sozusagen “Steinzeitbabys”. Sie denken, sie wurden irgendwo in einer Höhle vergessen und bekommen Panik. Es könnte ja ein Säbelzahntiger vor der Höhle, bzw. Tür lauern…

Die Fähigkeit der Objektpermanz, also das Wissen, dass z.B. die Bindungsperson immer noch da ist, obwohl sie nicht in Sichtweite ist, entwickelt sich erst noch. Und da ist es verständlich, dass Babys schreien. Wenn dann niemand reagiert, resignieren sie und es setzt eine Schutzfunktion ein. Sie verstummen und verfallen in eine Art Schockstarre. Sie haben das Gefühl, dass sie komplett alleine sind und sich nicht auf die Bindungsperson verlassen können.

Babys brauchen Sicherheit und Schutz. Nähe und Körperkontakt geben ihnen diese wichtige Sicherheit. Das ist ein Grundbedürfnis.

Wenn ein Grundbedürfnis nicht gestillt wird, hat das Auswirkungen auf das Urvertrauen. Da auf dem Urvertrauen alles Weitere aufbaut, hat das Nichtreagieren auch auf das Selbstwertgefühl negative Folgen.

Verwöhnen durch Bindung und Bedürfniserfüllung?

Viele Menschen haben noch Vorurteile gegenüber einem bindungs- und bedürfnisorientierten Umgang mit Kinder. Man könnte das Kind verwöhnen und so zu einem Tyrann erziehen. Doch diese These stimmt keinesfalls.

Solche Mythen stammen aus der Nazi Zeit und hält sich leider noch fest in den Köpfen. Johanna Haarer hat mit ihrem Buch “Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind” einen wesentlichen Teil dazu beigetragen, dass Eltern Angst haben ihr Kind zu verwöhnen. Das Buch erschien 1934 und wurde noch bis 1987 verkauft.

Babys kann man nicht verwöhnen. Man kann Kinder nur mit materialistischen Sachen verwöhnen. Aber nicht mit Aufmerksamkeit, Geborgenheit, Nähe und Liebe. Darum finde ich es so schade, dass Babys auf Abstand gehalten werden aus Angst, man könnte sie verwöhnen.

Die eigenen Bedürfnisse beachten

Attachment Parenting bedeutet für mich nicht, dass die Bedürfnisse des Kindes immer an erster Stelle stehen. Es geht darum die Bedürfnisse zu erkennen und die Kinder emphatisch zu begleiten. Bei verschiedenen Bedürfnissen sollte man abwägen, welches Bedürfnis in dem Moment wichtiger ist und dann (gemeinsam mit dem Kind) einen Kompromiss finden.

Denn sonst kommt die Mutter schnell an den Punkt der Überforderung oder gar des Burn-Outs. Und wenn die Mutter nicht glücklich ist, ist es das Kind ebenfalls nicht.

Hier mal ein Beispiel zum Thema Bedürfnisorientierung: Das Baby weint und möchte stillen, aber die Mutter muss dringend auf Toilette. Welches Bedürfnis hat nun Vorrang? Ganz klar: Das Bedürfnis der Mutter! Denn sonst ist die Mutter unruhig, verkrampft und ungeduldig. Das Baby spürt die Unruhe der Mutter. Und kann dann auch nicht entspannt stillen. Kinder spüren alles. Sie haben noch ganz feine Antennen.

Es ist ein schmaler Grad zwischen bedürfnisorientierter Elternschaft und Aufopferung. Da liegt die Kunst drin, die Bedürfnisse in der Waage zu halten und sich nicht selbst zu vergessen. Selbstfürsorge sollte dabei nicht zu kurz kommen.

Artgerecht oder doch Öko-Hippi-Helikopter?

Die Gesellschaft sieht Attachment Parenting noch vorwiegend als kritisch an. Helikoptermutter, Übermutter oder sogar Glucke sind nur einige Aussagen über Mütter, die ihrem Kind bindungs- und bedürfnisorientiert begegnen. Aber es ist einfach nur artgerecht.

Bindungs- und bedürfnisorientiert zu leben bedeutet nicht krampfhaft am Kind festzuhalten und ihm keine Freiheiten zu lassen. Sondern nur da zu sein, wenn das Kind das Bedürfnis nach Nähe einfordert.

In der heutigen Zeit artgerecht zu leben ist leider oft mit einigen Herausforderungen verbunden. Und da es sich in unserer heutigen Zeit nicht “schickt”, sein Leben dem Kind anzupassen und mal ein paar Jahre anders zu leben, wird eben schnell verurteilt.

Doch die Zeit, in der unsere Kinder in unseren Armen, an der Brust oder in unserem Bett verbringen, ist im Gegensatz zu ihrem ganzen Leben relativ kurz. Die Zeit vergeht so schnell und wir können unseren Kindern so viel mitgeben, wenn wir ihre Grundbedürfnisse erfüllen. Das wird sie stark durch das Leben tragen. Sollte uns das nicht die Mühe wert sein? Ich finde schon…!

Was bedeutet für dich bindungs- und bedürfnisorientierte Elternschaft? Wo siehst du die Grenzen und Probleme darin?

Wie ich zu Attachment Parenting kam, kannst du in meinem Beitrag  > “Mein Weg zu Attachment Parenting” < lesen.

Deine Janika

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