Mein Weg zu Attachment Parenting

Mein Weg zu Attachment Parenting

Bis zur Geburt meiner großen Tochter hatte ich mir wenig Gedanken über die spätere Erziehung meines Kindes gemacht. Durch meine eigenen Kindheitserfahrungen wusste ich zumindest, was ich NICHT machen wollte.
Außerdem war ich davon überzeugt, dass ich durch meine Ausbildung und meiner Berufserfahrung soweit ganz gut informiert und vorbereitet wäre.

Von Attachment Parenting (AP), auch bindungs – und bedürfnisorientierte Elternschaft genannt, hatte ich noch nie gehört.

Uninformiert statt gut vorbereitet

Als ich dann 2013 selbst schwanger wurde, ging ich los die angeblich so wichtigen Dinge wie Kinderwagen, Babybett, Stubenwagen, Schnuller und Fläschen für mein Baby besorgen. Hätte mir damals jemals gesagt, dass ich das meiste davon nicht brauchen würde, hätte ich das nicht geglaubt.

Ich wusste, dass ich mein Kind tragen wollte, also kaufte ich neben den typischen Dingen der Erstausstattung auch eine Babytrage. Bis dahin kannte ich aus meiner damaligen Kita nur die “BabyBjörn” Tragehilfe, die ich jedoch schon damals als unbequem empfand. In dem Stadtteil, in dem ich wohne, sah ich fast alle Trageeltern ihre Babys in der Manduca tragen. Also dachte ich, dass eine Manduca sicherlich besser sein würde.

Für mich war auch klar, dass ich Stillen wollte. Und trotzdem kaufte ich ein paar Fläschen. Denn die gehörten zum Baby bekommen ja irgendwie dazu… Schließlich hatte ich bis dahin erst zwei Mütter kennengelernt, die ihr Kind länger als 12 Monate stillten und ich hatte ursprünglich vor nach spätestens 12 Monaten ganz abgestillt zu haben.

Es kommt immer anders als man denkt

Nachdem meine Tochter dann durch einen sekundären ungeplanten Kaiserschnitt geboren wurde, entwickelte sie die 3-Monats-Kolik. Sie war ein “Schreibaby”. Ziemlich genau 3 Monate lang.

Da sie keine Blähungen hatte und sich auch nicht windete, bin ich mittlerweile davon überzeugt, dass sie erstmal richtig in der Welt ankommen musste und die Geburt mit stundenlangem Schreien verarbeitete.

Das einzige was sie beruhigte, war das Geräusch des Föns und getragen zu werden. So lief der Fön bei uns nachts heiß, bis wir feststellten, dass ein überhitzter Fön nicht in die Hände von übermüdeten Eltern gehört. Nachdem uns fast das Bett abfackelte und der Fön mal wieder überhitzt war, lief mein Mann mit der Kleinen den Flur stundenlang auf und ab.

Wenn sie nicht schrie und nicht getragen werden wollte, wollte sie an meiner Brust dauernuckeln. Der Schnuller reichte ihr nicht. Zum Glück klärte mich meine Hebamme darüber auf, dass man dieses Verhalten “Clustern” nennt und mein Baby nur Milch “vorbestellen” wollte. Das konnte ich nachvollziehen und akzeptierten. Ich wusste ja nun, dass das nur eine Phase sei. Also verbrachte ich wochenlang stillend auf der Couch.

Wie ich zur “Öko-Hippie-Mutter” wurde

Da saß ich nun: dauerstillend und völlig übermüdet. Mit einem schreienden Baby, was nicht schlafen konnte. Auf das war ich nicht vorbereitet!

Im Kinderwagen war unsere Tochter auch unglücklich.  Sie brauchte ganz viel Körperkontakt und forderte dies auch lautstark ein. Ich konnte sie nicht ablegen, denn sobald man sich das wagte, wachte sie auf und wollte wieder an die Brust. Ich war fix und fertig, müde und ausgesaugt ausgelaugt. Der extreme Schlafmangel tat sein übriges. Es fühlte sich zusammen mit dem Dauergeschrei wie pure Folter an. Ich war im Zombie-Modus und funktionierte nur noch wie ein Roboter.

Als ich zu meiner Hebamme sagte, dass unsere Tochter nur getragen werden möchte und ich sie nicht ablegen konnte, riet sie mir zu einem Tragetuch, da sie die Manduca nicht optimal fand für so kleine Babys.

Außerdem hörte ich von meiner Hebamme das erste Mal das Wort “Familienbett”. Bis dahin schlief unsere Tochter im Beistellbett. Zum Stillen nahm ich sie zu mir und setzte mich hin. Da unser Baby dauernuckelte, schlief ich dauernd im Sitzen ein und schreckte jedesmal wieder hoch, wenn mein Kopf runtersackte. Es war kein angenehmes nächtliches Stillen.

Das erzählte ich meiner Hebamme, die daraufhin meinte, ich könnte unser Baby doch mit auf meine Matratze legen und im Liegen stillen. Damals hatte ich noch extreme Angst vor dem plötzlichen Kindestod, weshalb ich bei dem Thema Familienbett sehr unsicher war. Also fing ich an mich über das Thema Familienbett sowie das Tragen im Tragetuch zu informieren.

Babys Bedürfnis nach Körperkontakt vs. Mamas Bedürfnis nach Freiheit

Kurz darauf besorgte ich mir mein erstes Tragetuch. Ein elastisches Tuch, mit dem ich aber überhaupt nicht klarkam.

Doch ich wollte unbedingt tragen. Denn nur so war unser Mädchen glücklich. Es half mir mehr Bindung aufzubauen, ich hatte die Hände frei und konnte endlich wieder andere Sachen erledigen. Außerdem wollte ich mich nicht so einschränken lassen und nur noch mit Baby auf dem Arm zu Hause sitzen.

Nachdem ich eine Trageberatung in Anspruch genommen hatte, kaufte ich eine andere Tragehilfe, ein gewebtes Tragetuch und kurz darauf auch einen Ring Sling. Endlich hatte ich eine Bindetechnik erlernt, die ich ohne Probleme binden konnte. Unser Baby war glücklich und der Alltag war auch keine Herausforderung mehr.

Bedürfnisse enden nicht mit der Müdigkeit

Nur das Schlafverhalten unserer Tochter empfand ich immer noch als “problematisch”. Sie stillte seit mehreren Monaten gefühlt die ganze Nacht hindurch. Dadurch war ich morgens alles andere als erholt und manchmal sehr gereizt.

Ich dachte, dass sie eventuell besser schlafen würde, wenn sie in ihrem eigenen Bett in ihrem Zimmer schlafen würde. Darum hatte ich einmal versucht, sie in ihrem Bett einschlafen zu lassen. Ich streichelte sie, hielt ihr Händchen und hoffte, dass sie bald einschlafen würde. Doch sie weinte. Und weinte und weinte…. Es zerriss mir das Herz und ich weinte irgendwann mit.

Da wurde mir klar, dass das nicht richtig ist und dass mein Kind nicht alleine schlafen muss. Das Bedürfnis nach Körperkontakt, Geborgenheit und Schutz endet nunmal nicht mit der Müdigkeit. Wenn man sich die Evolution anschaut, ist das ja auch absolut verständlich. Babys wissen nicht, dass sie in Sicherheit sind und kein böser Säbelzahntiger vor der Höhle wartet.

Als ich anfing gesellschaftliche Erwartungshaltungen zu hinterfragen

Nachdem ich mich mit einer ehemaligen Arbeitskollegin traf und ihr von unseren anstrengenden Nächten erzählte, empfahl sie mir abzustillen und das Buch “Jedes Kind kann schlafen lernen”.

Von der Ferber-Methode hatte ich schon gelesen und hatte es für schlimm befunden. Mein Kind schreien zu lassen kam für mich nicht in Frage. Ich wollte sie nicht liegen lassen, wenn sie doch meine Nähe so sehr braucht. Es fühlte sich falsch an, mein Kind in bestimmten Themen “brechen zu müssen”, damit mein Leben leichter werden würde.

Warum sollte ein Kind schlafen “lernen” müssen? “Schlafen lernen” und “abstillen, um auf Kunstmilch umzusteigen” fühlte sich für mich absolut falsch an. Und warum sollte ich abstillen, wenn mein Säugling noch die Muttermilch noch sichtlich braucht? Erst recht wenn sie sämtliche Pulvermilchsorten vehement verweigerte? Außerdem genoßen wir beide das Stillen noch sehr. Es war unsere gemeinsame Auszeit am Tag. Tagsüber war das Stillen kein Problem, nur der Schlafentzug durch das nächtliche Stillen war eine extreme Belastung.

Verwöhne ich mein Baby?

Ich vertraute trotzdem weiter auf mein Baby und mein Bauchgefühl und handelte weiter nach meinem Mutterinstinkt. Auch wenn die gesellschaftlichen Erwartungshaltungen anders aussahen, als mein Umgang mit unserer Tochter.

In unserer Gesellschaft muss ein Kind leider ins Leben passen. Und wenn es nicht passt, wird es eben passend gemacht. Dazu gibt es zum Beispiel solche Bücher wie “Jedes Kind kann schlafen lernen”. Genauso existiert leider noch das weit verbreitete (aus der Nazi-Zeit stammende) Vorurteil, dass man ein Baby verwöhnen könnte und es dann ein Tyrann werden würde. Sprüche wie “Schreien kräftigt die Lungen!” waren früher normal und hört man leider heute immer noch von manchen Leuten. Ich sag dazu nur: Und bluten ist dann auch gut für die Adern? Ich bin mir sicher, dass man ein Kind nur mit Materialistischem verwöhnen kann und nicht mit Liebe und Aufmerksamkeit!

Es hat einen Namen: “Attachment Parenting”

So verging das erste Jahr, ich trug sie immer noch viel, wir stillten noch und schliefen auch noch zusammen in einem Bett. Es fühlte sich richtig an. Stressfrei. Ohne Druck, ohne Tränen und ohne schlechtem Bauchgefühl meinerseits. Auch wenn unser Umfeld teilweise sehr verständnislos reagierte und wir uns oft rechtfertigen mussten.

Eines Tages kam mein Mann nach Hause und meinte:” Es gibt übrigens einen Namen für unsere Erziehungsmethode! Das nennt man Attachment Parenting!”
Diese Worte werde ich von meinem Mann niemals vergessen. Er kam von einem Arzttermin und hatte im Wartezimmer einen Artikel über Bindungs-und Bedürfnisorientierte Erziehung gelesen.

Im ersten Moment dachte ich: “Aha! Dann hat aufs-Bauchgefühl-hören also auch schon einen Namen!”. Doch ich war positiv überrascht und recherchierte abends nach dem Begriff  “Attachment Parenting”.

Als ich merkte, dass unser Umgang nichts Außergewöhnliches ist, dass es viele Informationen darüber gibt und ganze Bücher davon handeln, war ich überglücklich. So bekam unser Umgang mit unserer Tochter endlich einen richtigen Namen! Wow! Das fühlte sich gut an!

Endlich hatten wir unseren Weg gefunden. Und es hat sogar einen Namen: Attachment Parenting. Das ist unser Weg, den wir für uns als richtig empfinden. Ich möchte damit nicht sagen, dass dieser Weg für alle richtig ist. Jeder muss für sich den eigenen Weg finden. Und dabei sollte man immer auf sein Herz hören.

Wie bist du zur bindungs- und bedürfnisorientierten Elternschaft gekommen?

Wusstest du schon vor der Geburt deines Babys, wie dein Erziehungsstil sein wird?

Alles Liebe, deine Janika